tauchte die 23jährige ihr Gesicht in das eiskalte Wasser in den Händen, wusch sich und griff sofort nach dem Handtuch welches auf dem Rand des Steinbrunnens lag. Als sie die Haut trocknen wollte, trat keines der kühlen Tropfen mehr sichtbar auf: zu dieser frühen Stunde am Tag (es zählte gerade mal acht Uhr) schien die Sonne sehr wohlwollend auf das kleine Dorf hinab! Das Wasser aus der Quelle brachte einiges an Erfrischung mit... die nicht lange anhielt, aber die kleistrige Nacht im Zelt vergessen lies... zumindest für einen Moment.

Ein großes Seidentuch wurde in der Hälfte gefaltet; auf die Haare gelegt; die beiden Enden im Nacken verknotet; abschließend zog sie einzelne, dunkelblonde Strähnchen zwischen Gesicht und Stoff heraus, die dann an ihren Wangen entlang herunter fielen.

Ines griff ihre Sachen auf dem Brunnenrand und lief langsam die Straße hinunter.

 

Die ersten Aussteller packten ihre Sachen aus und verteilten diese verkaufsfördernd an dem jeweiligen Stand.

Auf dem Fahrweg zur linken Seite stand Kerstins Schmuckstand; der Kombi der Frau hielt mit offenem Kofferraum daneben; die ersten Kisten mit den Ornamenten erschienen in ihren Armen; Platz fanden alle in dem Inneren der Verkaufshütte; die nächsten Kartons stellten das Ziel dar. Es roch nach frischer Luft im Sommer, frisch gemähten Gras und frisch aufgebrühtem Kaffee. Kerstin entdeckte die junge Frau. „Du bist aber schon fleißig am Werk.“ sagte Ines lobend. Kopf schüttelnd wehrte die ca. 40jährige ab „Das täuscht - gleich bleibt alles still stehen und ich gönn´ mir einen Kaffee!“ Grinsend ging sie weiter zu ihrem Auto.

 

Den Asphalt entlang schlenderte ein Mann - schätzungsweise um die 50 Jahre, graue Haare und seine schlanken Beine steckten in einer kurzen, fransigen Jeans. Schmunzelnd grüßte er die jungen Leute am Straßenrand. Diese positionierten außerhalb um ihren weißen Pavillon herum ein paar Bilder. Gerade stellten sie den letzten Glasrahmen auf eine Staffelei. Die Graphitzeichnung zeigte eine junge Frau im Spitzen-BH welche einen Strohhut trug.

Der Mann lief behaglich weiter. Je näher er zu Ines und Kerstin kam, desto deutlicher wurde die Schrift auf seinem knallroten T-Shirt: Wie gut das ich kein Künstler bin! Die beiden Frauen kicherten und quietschten vor Vergnügen als der Text leserlich wurde. „Oh Aloys, erzähl aber niemandem, dass die Photographien im „Studio 3“ von dir sind!“ Ines wischte sich die Tränen aus den Augen.

 

Der Mann setzte schmunzelnd seinen Weg fort und Ines bog - gegenüber von Kerstins Stand - in den geteerten Weg der ein kleines Bisschen Steigung bot. Ein schmaler Wiesenweg verlief vor der Hauswand zur rechten Seite. Dort wo das Gemäuer endete, begann der Maschendrahtzaun von dem Dorfspielplatz. Zur linken stand an der Straße die Gaststätte. Hier wachte man langsam auf und stellte die ersten Biertische hin. Nach dem Biergarten schloss eine Hecke diesen Bereich ab und die „kreative Wiese“ begann.

 

Die Frau lief links herum auf die Grasfläche an Herbert mit den selbst geflochtenen Körben vorbei. Danach folgte der erste Kirschbaum. Die nächste Fläche gehörte Ines – auf dem Platz stand ihr Pavillon in dem die selbst entworfenen und gewebten Kleider der Frau hingen. Ein nächster Obstbaum schloss an. Als letztes präsentierte Viona in einem achteckigen, grünen Pavillon und auf zwei Stellwänden die Bilder von ihren gemalten Schlafzimmern. Ein letzter Baum beendete die Ausstellerreihe an der Hecke.

Hinter dem grünen Pavillon stand das Zelt, in dem die beiden Frauen nächtigten – Ines legte ihre Sachen von dem morgendlichen Waschen am Brunnen hinein.

Die Frau verschloss das Zelt; ging um den Pavillon herum; an der noch leeren Stellwand vorbei; durch das Gartentor zu Wilhelm, dem Puppenspieler. Von da aus musste sie mit wenigen Schritten die Grünfläche überqueren und schon befand sich Ines auf der Terrasse von dem Theater „Wolkenzauber“ - das Gebäude des älteren Mannes, indem er mit seinen Marionetten eine ¾ Stunde die besuchenden Kinder unterhielt - erreicht.

 

Wilhelm war dabei den Biertisch für das morgendliche Frühstück zu decken – die Frau ging zu ihm, nahm das Marmeladeglas und half alles vorzubereiten. Schnell fanden die benötigten Sachen ihren Platz auf der Tafel. Eva-Maria kam dazu; nahm die Kaffeekanne; goss Ines, Wilhelm und sich selbst von dem heißen Getränk ein; anschließend rief die Kunstschaffende die beiden fehlenden Personen zum Essen.

„Hast du schon die ersten Geschichten auf die Leine gehängt?“, fragte Wilhelm als er sich auf die Bank setzte. Eva-Maria nickte zustimmend „Die Galoschen haben so einiges zu erzählen... später müsste ich noch mal an dein Lamediergerät, okay?“

Eva-Maria stellte dieses Jahr eine Aktion für Jedermann auf die Beine. Schuhe hingen zusammen mit ihrer auf DIN A4 gedruckten, einlaminierten Geschichte auf einer Wäscheleine. Die Leute zeigten reges Interesse an dieser Sache und täglich trafen viele „neue“ ´Treter ein.

 

Während dem morgendlichen Schlemmen kam eine junge Frau um die Ecke von Wolkenzauber gelaufen. Die glatten, langen Haare steckten mithilfe einer silbernen Spange am Kopf - ihr rot leuchtete hell im Sonnenschein; ein Knoten im T-Shirt befand sich weit über dem Nabel; die Füße steckten in gelben Stoffschuhen... zumindest der Rest, der davon an ihren Versmaßen hing. Normalerweise trug Viona nicht so knappe Sachen – ganz im Gegenteil: Jeans, weite Sachen obenrum und schwarze Absatzschuhe stellten den Alltagsdress von ihr her. Hin und wieder putzte sie sich auch mal besser raus: das geschah dann, wenn eine Vernissage auf dem Plan stand.

Die hellen, blauen Augen entdeckten die essenden Leute, suchten einen Platz und die Frau gesellte sich zu der kleinen Gruppe.

„Es ist so warm!“, stöhnte Viona während sie sich auf der Bank niederließ. “Wo warst du?“, wollte Ines wissen. „Ich war unten bei Litizia“ beantwortete die Freundin die Frage „auf der Strasse ist es kaum auszuhalten.“ Die Frau nahm sich ein Brötchen, schnitt es auf und begann zu frühstücken.

 

Nach dem Essen holten Ines und Viona die Bettenbilder aus einem Räumchen in Wilhelms Theater. Diese hängten die Zwei auf den Stellwänden und im Pavillon auf. Ein altes, zersägtes Holzbett stellten sie auf die Wiese; es sollte den Eindruck erwecken, als würde es aus der Erde emporsteigen; Schafwolle stellte den Nebel dar.

Danach verschwand man mit einer Kühlbox unter dem Kirschbaum am Stand. Den verbleibenden Tag schmorten und schwitzten beide munter im Schatten.

 

Die zwei Einzelwesen beobachteten die vereinzelten Besucher, die tapfer über die kreative Wiese liefen und sich alles genau ansahen. Hin und wieder gesellte sich mal jemand zu ihnen unter den Kirschbaum, man wechselte ein paar Worte bevor die Person ihren Weg erneut aufnahm.

Später dann an diesem Nachmittag musste Viona den Platz aber doch aufgeben. Seit einiger Zeit kassierte sie bei dem Fußballverein in der Stadt den Eintritt und heute stand ein Heimspiel an. Sie fuhr früher als gewöhnlich ins Stadion. Die Autofahrt brachte bei offenen Fenstern die so stark benötigte Abkühlung.