den Holzstäben des Jägerzaunes schaute ein Zweig heraus – er bestand aus zahlreichen kleinen Blüten die ihren wohlriechenden Duft in der Landschaft verteilten. Behutsam strichen die schlanken Finger über die violetten Konturen... weich fühlten sich diese an. Ein unmerklicher Wasserpunkt - welcher an der Kante des Blattes hing – tropfte herunter. Viel Nass kam die vergangenen Tage vom Himmel... an diesem Morgen begann es freundlicher zu werden.

Ines lief durch das Tor auf das Grundstück von Jan.

 

Die Tür des Hauses verwehrte jedem der das Bestreben äußerte den Einlass zu erlangen, eben diesen... messerscharf kombiniert: es war niemand da! Die Frau drehte den Kopf und ließ den Blick über die weite Fläche wandern. Seit dem Vortag standen die ersten restaurationsbedürtigen Autos auf dem Grundstück; am Weg - der die Besucher durch die Ausstellung führen sollte – standen die ersten Specksteinskulpturen; Holz für einen Laufsteg lag auf einem riesigen Stapel rechts neben dem Haus.

 

Sie wandte sich zu dem rechten Eck des Gemäuers, ließ die grünen Augen unter einem Holzdach einen alten Küchentisch - umgeben von Laub vom Vorjahr - entdecken und suchte weiter nach einer Sitzgelegenheit. Der baldige Fund wurde heran gezogen.

Ines kramte die Sachen für die Ohrringe heraus - legte nach und nach alle Partikel auf die Tischplatte. Nachdenklich drehten die schmalen Finger die Tüte mit den Perlchen; griffen die kleine Dose mit Zierdraht; hoben den Deckel an; holten die silberne Schnecke heraus; schnitten auf Gutglück ein Stück ab... kleine, bunte Kugeln schoben sich in größeren Abständen auf den Draht.

 

Viona und Toni traten aus einem Räumchen unterhalb der Geschäftstelle des Vereines: für diesen Tag befand sich die Abrechnung erledigt und gut verstaut bei dem Hauptkassierer. Der Mann wollte wissen, ob sie einen Moment Zeit erübrigen könnte... er wollte ihr was zeigen.

Auf dem Weg zu ihren Autos, fragte die Frau nach dem Training mit seinen Kids.

„Oh – ja... ähm... also... gut, gut...“ Viona erblickte die etwas entfernte Krone eines Baumes „Hört sich doch echt viel versprechend an.“ Irgendetwas an seinem Verhalten ließ den Braten mürbe daherkommen „Prima, wie sah es wirklich beim Training mit der jungen Fußballtruppe aus?“

Toni inspizierte ganz intensiv den Teer des Weges... sie durchschaute ihn! „Nun, äh...“ die Hände fuhren über die Augen... sollte sportliche Ertüchtigung nicht auch – gerade bei den Jungen – einige Annehmlichkeiten mit sich bringen?

„Naja, wenn du so fragst: Ives verbesserte seine Arbeit am Ball, als Elina mit einem Becher Eis am Spielfeldrand auftauchte... das runde Ei ließ er postwendend liegen; lief zu dem Eisbecher; leistete Überzeugungsarbeit; die Frau ging schon bald davon; in aller Ruhe leerte sich das Behältnis; anschließend ging sein Weg zurück zu dem Fußball.“

Grübelnd lief die Frau neben ihm her „Okay... hat der Bursche bei dem Training an diesem Tag was gelernt?“ Lange ließ die Antwort nicht auf sich warten: „Natürlich – Eis sollte man täglich an dieser Theke in der Gastwirtschaft holen!“

Leicht schlug ihre Hand gegen das Bein „Den Sinn von Training hat Ives jedenfalls verstanden.“

 

Wenig später fuhren die zwei Wagen zu dem Sportfeld in Toni´s Gemeinde.

Am Ziel angekommen, zeigte seine Hand stolz über die markierte Fläche am Boden „Auf diesem Platz in dem Stadion läuft regelmäßig die lederne Kugel mit den kleinen Beinen um die Wette.“

Viona trat hinter dem Mann an den abgrenzenden Holzbalken, betrachtete die Umgebung und sah verwundert zu ihm.

„Wo sind die Bäume?“

Er räusperte sich „Ja, die wachsen...“

„Mh – und wo?“

„Ähm – in der Gärtnerei...“

Schmunzelnd traf für einen Moment das Augenpaar aufeinander.

Erwägend hing sein Blick kurz in der kleinen Quellwolke fest: „Ein Gedanke wandert mir schon länger im Kopf herum...“ fing Toni an „...ich könnte mich beruflich etwas verändern...“

Viona fragte, wie das genau aussehen sollte - er plante... eventuell... zu studieren. Der Mann erkundigte sich nach ihrer Meinung.

Einige Zeit sprachen beide über Toni´s Ambitionen auf neuem Terrain im Versicherungswesen weiterzugehen.

 

Der alte Bus hielt an, die Frau stieg aus – lief um das Fahrzeug herum und schob die Seitentür auf. Zum Vorschein kam ein Gondoliere der mit seinem Wassergefährt über die Wiese schippern würde. Litizia sah bei ihrem Eintreffen Ines neben dem Haus sitzen – zu ihr wollte sie gehen und den Mann mit dem Boot vorstellen.

Ines schob eine blaue Perle auf den Draht, als ein bekanntes Gesicht am Tisch auftauchte: „Was tust du?“ Die Frau holte eines der silbernen Herzen unter dem Tisch hervor – Litizia sah es, sah den Zierdraht mit den bunten Stellen und erkannte den entstehenden Ohrring.

Die beiden Frauen arbeiteten wenig später an ihrer jeweiligen Idee. Viona und Toni trafen ein, brachten Kuchen vom Bäcker aus dem Ort mit und zusammen wartete man auf den Schlüssel für die Haustür. „In dem Geschäft können wir an der Eingangstür unser Plakat aufhängen.“ Vionas Augen funkelten begeistert. „Wie soll das Alles denn mal heißen?“ Diese Nachforschung schien berechtigt - bislang blieb diese Frage ungeklärt.

„Es wirkt nicht besonders Einladend, wenn auf solch einem Plakat steht: das Projekt.“

Kritisch runzelten die Frauen nach Toni´s Denkanstoß die Stirn: das entsprach dann wohl der Wahrheit...

„Wir sollten nach einer Tasse Kaffee weiter überlegen... meint ihr nicht?“ Jan stellte die Thermoskanne mit dem schwarzen Getränk zwischen Litizia und Viona auf den Tisch.

 

Rauch stieg aus den Tassen auf und wehte mit der kaum wahrnehmbaren Brise davon. „Was soll nun auf dem Werbeposter stehen?“ Ines schob ein Stück Apfelkuchen auf ihre Gabel.

Viona ließ den Blick gedankenvoll über die Fläche wandern: von den Brettern für den Laufsteg, über die alten Wagen und schließlich endete er bei der Maskenballbesucherin.

“Was haben wir?“

„Bilderrahmen... Steinskulpturen... Designermode... – Romantik... Freiheit... ein Traum für jeden Beteiligten.“

„Du bringst es genau wie ein Kürbiskern im Flug auf den Punkt, Jan.“

„So sieht´s aus, Ines.

„Wie wäre es mit Venedig?“ Dieser Vorschlag von Litizia erntete viele nachdenkliche Falten auf den anwesenden Gesichtern.

„Das erscheint mir nicht besonders geistreich.“ Ganz falsch lag Toni damit nicht...

 

„Ein Traum wird Venedig wohl bleiben...“ Viona sah zu Ines, Litizia und Jan. Warum das ihre Vermutung sei, hakte der Mann aus dem Kassenhaus nach. „Wasser nennt sich nicht unbedingt mein stärkstes Element.“ Weshalb die Frau dann immerzu von dieser Stadt sprach... „Oh, neugierig machen die Foto´s mich schon...“

Toni dachte über das Gesagte von der Frau nach.

Sie saß still da, verträumt wanderten ihre Gedanken in die Canäle, zu den im Wasser stehenden Häusern... den Gondeln und eine Idee wurde immer deutlicher: „Nennen wir den Fall doch Traum: traum – für Venedig; R groß geschrieben – für die Romantik rund um diese Sache.“