ging Viona den Flur entlang.

Unschlüssig öffnete sie am Abend vor dem Fernseher eine Flasche Wein; eine Liebesschnulze lief über den Bildschirm... die Frau stellte diesen bewegenden Film kurz zuvor selbst im Video an. Als dem Herzensmann nicht auffiel, wie verzweifelt ihn die Heldin anhimmelte, liefen die Tränen zahlreich über ihr Gesicht. Den stark benötigten Trost bot die Flasche mit dem altrosafarbenen Getränk.

Als der Film endete, lag die Frau – die halbvolle Weinflasche umarmend – tief schlafend vor dem Fernseher auf ihrem Flokati.

 

Am nächsten Morgen führte der Weg aus dem Bett direkt zu der Kaffeemaschine - so eine Adrenalin-Brause wirkte im Moment mehr als Willkommen.

Wenige Momente später stand Viona mit der dampfenden Tasse an dem offenen Küchenfenster. Frohes Vogelzwitschern kündigte einen sonnigen Tag an.

Der Mann, mit dem sie am Vortag kassierte, trat schon wirklich... ja – ähm... wie stellte sich dieser „Er“ dar?

Süße, beschreib´ ihn einfach mal.

Die Frau seufzte tief... verfluchte ihre innere Stimme; verfluchte die eigene Person, vergaß kaputte Zündkerzen nicht und zuletzt verfluchte sie diesen Mensch im Kassenhaus; verfiel ins grübeln - kam zu dem Ergebnis: egal stellte sich ihr Toni nicht unbedingt dar! Das bedeutete: „schade“.

Beschreiben.

Ach man – Viona wurde bei solchen Sachen immer tiefrot.

Is´ keiner da! Nu mach schon.

Toni besaß... gutes Aussehen... kaffeefarbene, kurze Haare... dunkelbraune Augen - die einen sehr tiefgründig anschauen konnten, was Viona sehr verwirrte; gleichzeitig erzitterte sie unter diesem Blick und fühlte sich seltsam schwach... viel Humor besaß der Unbekannte... an seinen dezenten - nicht aufdringlichen – Geruch, könnte man sich gewöhnen... dachte die Frau geistig nicht unbedingt anwesend.

Und der kam schon länger auf diesen Sportplatz? Den Mann bemerkte sie niemals zuvor...

 

Verträumt trank die Frau ihren Café Creme leer und stellte die Tasse in das Spülbecken.

Der Blick wanderte hinaus aus dem Fenster zu den leicht wehenden Zweigen der Birke: wie wäre diese Morgenstunde am Besten zu gestalten ehe es später ein vorletztes Mal zu der Ausstellung ging? Es versprach erneut ein schöner - aber auch sehr warmer - Tag zu werden.

Eine Möglichkeit könnte Asyl unter dem Bett suchen sein.

Die nächste Variante klang viel versprechender: auf dem Parkplatz nahe bei den Gleisen Erfrischung suchen und dort für das neu entstehende Zimmer eine Schlafstelle entwerfen.

Ja, gekauft... aber nicht ohne Aqua.

Bepackt mit einem Zeichenblock, Bleistiften und der Flasche ging Viona zu ihrem silbernen Wagen.

 

An der Station angekommen fuhr das leuchtende Auto an dem Gebäude vorbei; die Strasse entlang; bis hinten hinaus zu der abgelegenen, freien Fläche für parkende Mobilfahrzeuge - hier stellte sie den Wagen in den zurückgezogensten Winkel unter die Bäume. Viona nahm ihre Sachen, stieg aus und setzte sich im Schneidersitz an den hinteren Autoreifen. Die Hand griff nachdenklich zu der Wasserflasche. Kaum zu glauben: selbst auf dem Boden stand die Luft! Ein tiefer Schluck folgte.

Die Frau schlug das Deckblatt des Skizzenblocks zurück und schaute auf das blütenweiße Papier, dass sich ihr jetzt präsentierte.

Seit Jahren malte die Frau Schlafzimmer: früher oder später führte die Möglichkeit zweifellos zu einer Ausstellung hin. Dessen war sie sicher.

Ein neues Zimmer strebte sie nun an... die zündende Idee - wie ein solcher Raum aussehen könnte - blieb allerdings bislang aus. Viona lehnte den Kopf an das silberne Metall: dieser Raum sollte etwas Besonderes werden, aber ihr fehlte der Plan, wie dieses „Besondere“ aussehen könnte.

 

Im Augenwinkel nahm die Frau einen dunklen Schatten wahr. Als der Blick zu dem Besucher wanderte, um zu sehen wer mal eben vorbeischaute, sah sie eine schwarze Katze mit wunderschönen blauen Augen.

Aufmerksam beobachteten die Sehorgane die weibliche Person. Als diese keine Versuche unternahm, das Tier zu vertreiben, setzte sich der kleine Vierbeiner hin.

„Du hast auch keinen guten Einfall für das neue Schlafzimmer, oder?“, stellte Viona die Frage mehr rethorisch.

Die Katze sah zu dem weißen Bogen Papier, stand auf und stellte sich direkt vor den Block. Der Blick streifte erneut über die hellen Fasern. Den Kopf senkend ließ das Tier etwas aus dem Mäulchen auf den Zeichenblock fallen. Anschließend schauten die mondsteinfarbenen Augen erneut zu der Frau.

Viona beugte sich vor - griff nach dem kleinen Metallteil, dass die Samtpfote auf dem Block abgelegt hatte. Eine venezianische Maske...

Fragend wanderte ihr Blick aufwärts, aber das Kätzchen war spurlos verschwunden.

 

Am folgenden Samstag lief die Frau durch den Haupteingang des Stadions, ging den sandigen Steinweg links herum und folgte diesem bis hinten zum Tor. Fast das Ziel erreicht, kam von der Fankurve der Sicherheitsmann den Weg heruntergelaufen.

„Hey...“, grüßten sich beide und liefen langsam zu den Kassenhäuschen weiter.

“Wie lange kennen wir uns?“, fragte Viona nachdenklich.

„Ja, hem... länger würd´ ich mal sagen. Warum?“

„Dein Name – wie heißt´n du eigentlich?“

Der Mann fuhr sich über die Augen, schaute zum Himmel und lächelte. „Mein Name ist Mann – Wachmann.“

Viona schubste ihn leicht mit dem Ellbogen in die Seite. „Jan... ich heiße Jan.“

 

Toni beobachtete etwas finster die Szene - sagen würde er aber nichts. Der Stapel Karten fand auf dem Holzbrett auf ihrer Seite Platz, Lieblos warf der Mann den Stoffbeutel unter die Platte, dann drehte er sich zu der Tür.

Angenehme Wärme strömte durch die Pforte herein - weiter - bei dem Fenster wieder hinaus.

Die zwei kannten sich schon eine Weile - wie lange genau, konnte Toni nicht sagen. Beide arbeiteten bei dem Sicherheitsdienst im Stadion, daher verstanden sie sich auch so gut. Der Mann seufzte.

Plötzlich stand Viona vor ihm.

 

„Hey - na, bist du schon lange da?“ Toni verneinte stumm und erzählte ihr vom Training am Vortag mit seinen Kids. Viona wischte sich schon bald die Tränen aus den Augen. „Sicher, dass es noch zu Fußball zählt, was du da machst?“ Unschuldig sah er sie an „Warum? Wer gründlich sucht, könnte doch schon im Hochsommer Schneeglöckchen finden.“

Die Frau wischte das letzte Wasser aus dem Gesicht und sprach von dem Vorhaben ein Schlafzimmer zu entwerfen. Toni bekam auch von dem Treffen mit der schwarzen Katze erzählt. „Okay mal langsam der Reihe nach: ein kleiner Perser hat dir DAS Zeichen gegeben?“ Viona stimmte zu, bekrittelte nur die Bezeichnung des Vierbeiners. „Kein Perser: schwarze Hauskate!“

Toni fuhr sich - die Kasse genau anschauend - durch die Haare.