zog behaglich zwischen den Bäumen hindurch, weit raus über das Wasser: die Natur tauchte alles zu dieser morgendlichen Stunde in ein kühles grau. Allerdings blinzelten bereits die ersten Sonnenstrahlen zwischen den Tautropfen auf. Mit dieser friedlichen Stimmung würde es dann wohl bald ein jähes Ende nehmen.

Ungetrübt kuschelte sich Ines tiefer in ihre Daunenjacke. Vereinzelt schwammen Enten lautlos umher - kein Geräusch lies sich von den Tieren wahrnehmen... gerade so, als wollten sie dieses sanftmütige Bild zu keiner Zeit zerstören.

 

Den vorherigen Tag widmete die junge Frau ganz der Näherei.

Neues Material zum weben fand schnell ihre Aufmerksamkeit und Ideen für eine neue Frühjahrskollektion zauberten die kleinen Accessoires - wie z.B. Lederknöpfe in türkis - fast von alleine. Ihr wichtigstes Werkzeug brachte Ines in eine 2-Mann-Werkstatt zum reparieren – am nächsten Morgen konnte das Maschinchen wieder geholt werden. „Wolfgang wird gleich nach dem Teil sehen...“ Der junge Mann ratterte diesen Text leichthin zum x-ten Male runter, während er den Einlieferungsschein ausfüllte. „Hey - einen Moment, Kleiner... das ist nicht irgendein Teil... das ist meine Nähmaschine: also Respekt, klar!“

 

Schmunzelnd folgte ihr Blick den Tieren auf dem Wasser – abgelegen unter einem Ast tauchte eine weitere Ente auf. „So früh unterwegs?“ Sich nähernde Schritte blieben Ines vollkommen unbemerkt. Sie sah auf die Uhr „Warum? Halb zehn ist doch ´ne gute Zeit, um hier auf der Bank zu sitzen. Oder nicht?“

Der Fremde ging um die Sitzgelegenheit herum, setzte sich zu der Frau und drehte seine mitgebrachte Thermoskanne langsam auf. „Ja, nimmt man´s genau, passt die Zeit schon. Magst... Mögen Sie Kaffee?“

„Du is´ okay. Wie hast du ihn?“

„Schwarz... Mit Milch ohne Zucker... Mit Zucker ohne Milch... Oder mit Milch und Zucker?“ Zweifelnd zog Ines eine Augenbraue hoch... „Du hast die 4 Sorten in einer Kanne?“

„Nein.“ Lächelnd betrachtete er den Behälter. "Mit Milch und Zucker hab´ ich nur...“ Zustimmend nickte die Frau „Gut, bin dabei, trinken wir Kaffee.“

 

Ines teilte ihm den Grund, weshalb er sie vormittags am See antraf, mit. Der Fremde bekam ausführlich von der Nähmaschine, dem neuen, großen Geschäft mit Stoffen und allem was dazu gehörte im Industriegebiet, sowie ihrem Bedauern über das Zurückliegen der letzten Ausstellung berichtet.

„Ähm, wir kennen uns gar nicht... wie heißt´n du?“ Irgendwie quatschte sie seit längerem einem wildfremden Menschen ein Ohr ab... sein Kaffee schmeckte ihr wirklich prima: war es nicht mal an der Zeit seinen Namen in Erfahrung zu bringen?

Kurz huschte ein Lächeln über sein Gesicht – ein Erlebnis kam ihm in den Sinn, welches noch nicht lange zurück lag – „...Jan nennt man mich. Warum?“

„Ines. Jetzt kennen wir uns, weiter im Text...“

Er nickte grinsend – Formalitätssache...

Nach einiger Zeit wollte das Warmhaltegefäß nichts mehr hergeben und der Gesprächstoff erlosch ebenfalls. Diese Tatsache veranlasste die Frau ihn allein auf der Bank zurückzulassen: im aufstehen murmelte sie „Tschüß...“

 

„Warte mal! Wohin gehst du?“ Schnell stand Jan hinter Ines. „Oh, ehm... ich geh´ rüber ins Stadion.“ Stirnrunzeln veranlasste die Frau weiter zu sprechen „Viona hat heute Dienst.“

„Okay, gut - ich begleite dich. Liegt auf meinem Weg...“

Während beide zum Stadion liefen, kam Jan sein Grundstück in den Sinn: „Um das Haus herum... die Grasfläche ist wirklich groß – am Besten du schaust es dir mal an. Genügend Platz für eine Präsentation wäre dort.“

 

Viona stand zwischen den beiden Kassenhäuschen und dachte an das Spiel zwei Wochen vorher - viel eher an die Holzhütte vor sich... Toni, um es genau zu sagen. Von der Gastmannschaft kam eine Gruppe Hooligans. Der Einsatzleiter der Sicherheitsleute bereitete die Frau auf dieses Wochenende vor und bat Viona sich aufzubrezeln. Um die Fans milde zu stimmen, sollte sie viel Leichtigkeit verbreiten - und genau das tat die Kassiererin... bis Toni die Flirterei entschieden gegen den Strich ging: pampig forderte er den Unbekannten auf, die Karte zu nehmen und endlich weiterzugehen. Verwirrt sah der Angesprochene zu Viona; diese lächelte ihm zu; senkte demütig den Blick; versöhnt nahm er die Karte; reichte das Papier weiter an Jan und ohne einen weiteren Zwischenfall gelangte der Mann ins Stadion.

Warum genau Toni so heftig reagierte, sagte er nicht.

 

„Hi, hier bist du.“ Toni – charmant wie immer - hob die Tasche leicht an und zwinkerte ihr zu „Komm...“ Seufzend folgte Viona ihm.

Tief Luft holend trat die Frau schon wenig später aus der Holzhütte hinaus an die frische Luft: der Herbst zeigte sich an diesem Tag von einer äußerst angenehmen Seite. Die Blätter der Bäume leuchteten im Sonnenlicht in allen Farben.

„Hallo“ Die Stimme, welche da plötzlich zu ihr sprach, kam der Frau bekannt vor. Und richtig: Jan stand hinter Viona - mit ihm war Ines gekommen.

„Stell dir mal vor, ein Platz zum Ausstellen hat sich

gefunden...“

Ines überfiel die Freundin mit einem ausführlichen Bericht - Interesse an Vionas Meinung zu dieser Überlegung bestand mal kurz und Jans Mimik besaß starke Ähnlichkeit mit einem Fisch. Die Frage wie so etwas genau aussehen könnte, stellte das größte Problem dar.

Am Ende einigte man sich darauf, diese Entscheidung – ob ausgestellt werden würde, wann man sich die Gegebenheiten ansehen wollte und was das dann Thema sein sollte - besser Litizia zu überlassen.

 

Toni trat aus dem Kassenhaus und verfolgte die hitzige Debatte. „Wie wäre es...“ Unbedingt weiter als der Wachmann kam er bei den beiden Kunstschaffenden auch nicht. „Ja, man könnte aber...“ Keine Chance in das Gespräch einzugreifen. Der Mann verfiel kurz ins grübeln, als Jan leise feststellte, dass Toni ebenfalls nicht durch das Stimmengewirr von nur zwei Personen kam!

Der Kassierer sah zu dem Sicherheitsmensch rüber „Ich dachte, ich hätte mehr Glück...“

„Irgendwie sind wir gerade mal abgemeldet.“

„Ähm..." Toni strich sich ratlos durch seine Haare „...ist nicht weiter tragisch... sag´ ich es eben dir... du bist sowieso geeigneter - dein Grundstück ist es doch auch.“

Jan bejahte und Toni fing an.