strich der Geruch des vor kurzem neu bezogenen Bettes mit der Luft herum... verteilte sich im Zimmer.

Viona ging zum Kühlschrank, nahm die O-Saft-Flasche heraus und lief dann in den Garten. Der Stuhl in der Frühjahrssonne erwartete die Frau bereits. Der Welt wohlgesonnen zielte sie diesen an.

Der Orangensaft floss kühl in das Glas; sogleich beschlug es; ein Tropfen löste sich; lief langsam an der Außenseite entlang. Belebend quoll das kühle Getränk innerhalb des Halses runter.

Ein leises Geräusch des Gefäßes verkündete die kurzzeitige Standortbesetzung auf der Holzplatte;

in Gedanken schaute sie durch die Baumkrone in den Sonnenschein; die leise raschelnden Blätter der Weide nahmen ihre Gedanken mit zu dem kleinen Boot; am Rande der Stadt am Steg band es der Gondoliere fest; hier wartete das Schiffchen geduldig auf seinen nächsten Einsatz.

Irgendwann würde Viona darin sitzen und die Häuser im Wasser betrachten... vielleicht.

Die Frau stand auf und holte ihre Malsachen aus der Wohnung.

Im hellen Licht und dem Gesang einer Amsel entstand ein Schlafzimmer auf dem Papier; mit einem Tuschestift zeichneten die schlanken Finger geübt die Konturen nach; in der Abendsonne würde sie es zu Ende bringen.

 

 

Zwei Wochen zuvor berichtete Toni ihr von Pascal und seinen Fortschritten im Training: „Er fand vor kurzem heraus, dass - wenn seine Füße vor dem Losrollen des Balles, schon Richtung Tor rannten - diese früher ankämen.“. Kritisch hatte Viona zu dem Mann gesehen: „Okay... und was genau bringt ihm das?“ Nachdenklich dachte der Coach des Jungen über die berechtigte Skepsis nach. „Naja... der gewitzte Fußballer ist vor dem runden Leder am Ziel...“ Einem Lamm ähnlich hatten seine Augen in ihre geschaut...

 

 

„Was ist denn da drin?“ Viona kam in dem Augenblick beim Haupteingang durch, als Jan mit einer großen Kiste vorbei lief. Grüßend visierte der Mann den feststehenden Pavillon an, stellte den Karton in den Innenraum und drehte sich zu der Frau. „Fahnen, Tröten, Tassen, Aufkleber... Artikel mit dem bunten Bildchen des Vereins.“ Mit einer werbekräftigen Handbewegung auf die Pappschachtel lud er die Frau ein, mal einen Blick zu riskieren.

Schon bald liefen beide auf dem kürzlich mit Erde ausgebesserten Pfad zu den Kassenhäusern. Die Tennisspieler zur Linken ließen die Zwei kurz stehen bleiben; im Weitergehen sprach man über die vergangene Frühjahrsmesse.

 

 

Viona fuhr – zusammen mit zwei Wachmännern – früh morgens in die etwas entfernte Stadt. Bis es zum Eintritt kassieren kam, saugte sie den Bereich rund um die Bühne, anschließend holte die Frau die Kasse und verkrümelte sich in das kleine Haus am Haupteingang. Wechselgeld und Karten warteten auf die bald heranströmenden Besucher... Zeit für das Buch.

 

Eine Freundin erzählte ihr vor der Messe von einem wirklich guten Roman!

Sie klang so dermaßen begeistert, dass Viona die Neugier überkam und bald schon stellte das Telefon die nötige Verbindung zu der Buchhandlung her, welche die Bestellung entgegen nahm.

Als die Frau dann jedoch das Buch in dem hochkatholischen Geschäft abholte, rührte sie völlig unchristlich der Schlag: das Titelbild zeigte eine Zeichnung in Farbe; darauf konnte man den gutaussehenden Helden sehen; das Spiel seiner Muskeln überwältigte den Betrachter; in seinen Armen lag eine junge, hübsche Frau; Blumen waren spärlich um die Personen verteilt; ein roter Vorhang aus Samt hing hinter dem Stillleben; der Buchrücken glänzte gold mit dem schwarz aufgedruckten Titel; die Seiten der Blätter leuchteten kirschrot.

 

 

Gickelnd kamen beide am Eingang an. Viona lief zu Toni ins Kassenhaus. Nach einer kurzen Weile kam Jürgen über die Wiese... beide Arme in Gips!

„Hey... was ist denn mit dir passiert?“ Viona lachte nicht – ehrlich anteilnehmend sahen die Sehorgane auf das feste Bindemittel.

Betroffen guckte Jürgen zu seinen herausschauenden Fingern - umständlich versuchten diese aus der Brieftasche etwas Kleingeld zu fischen. „Ich bin beim Rad fahren gestürzt, da habe ich mir einen Arm gebrochen. Ein paar Tage später radelte ich, stürzte erneut und der zweite Arm war ebenfalls durch.“

Die Münzen hatten den Kampf gegen die Fingerkuppen gewonnen, sodass der Mann nun einen Schein an Toni weiterreichte.

„Warum machst du so was?“ Sie beobachtete die Szene des Eintrittskartenerwerbs.

Grinsend sah er die Frau an und hob die Schultern.

Toni drehte sich zu dem Fan und wollte ihm sein Rückgeld geben. Dieser versuchte ihm eine Hand entgegen zu strecken – der Gips verhinderte das aber.

Viona sah die Münzen an ihrer Nase vorbeifliegen... Augenblicklich erloschen die Stimmen und die drei Augenpaare starrten auf die silbernen Geldstücke im Schotter.

Jürgen versuchte nach einem längerem Moment das Hartgeld aufzuheben... allerdings ohne Erfolg.

Jan folgte kurz seinen aussichtslosen Versuchen; als seine Sinne langsam zurückkamen, reagierte der Mann sofort; hob ihm das glänzende Metall - das zwischen den grauen Steinen lag - auf; reichte es ihm.

Viona schaute fassungslos zu Toni... dieser stand desinteressiert im Kassenhaus.

 

Bewaffnet mit den Malsachen ging die Frau nachmittags in den Garten, setzte sich an den Tisch und schlug das feste Deckblatt zurück. Zum Vorschein kam das Schlafzimmer mit Blick auf einen der vielen Kanäle in Venedig.

Viona stand auf – ein Glas und die Flasche Wein fehlten!

Als sie zurückkam blinzelten vorsichtig Lichtstrahlen durch die Blätter der Weide auf das Papier des Blockes. Das durchsichtige Gefäß füllte sich etwas mit der rosafarbenen Flüssigkeit; ein Schluck folgte; leise raschelten die Blätter; die milchige Helligkeit bewegte sich auf dem Papier; warm schien die Sonne durch die Baumkrone; der Becher mit dem Wasser zum malen wurde ausgeleert und Wein eingegossen;

das Zimmer bekam Farbe.

 

Als Viona ihr Tun beendete... schlief sie – stark angesäuselt – auf der Tischplatte zwischen den Zeichensachen ein.